5 Tipps für den Büroalltag von Extremsportlerin Evelyne Binsack

Evelyne Binsack hat den Mount Everest bestiegen und Nord- und Südpol mit purer Muskelkraft erreicht. Was die Abenteurerin in Extremsituationen überleben liess, gilt durchaus auch für das «normale Überleben» am Arbeitsplatz, wie ihr inspirierendes Referat am Networking-Event von Energie 360° zeigte.

  • 3. Juli 2017

Man nehme einen 70 Kilo schweren Baggerpneu, binde ihn um den Bauch und ziehe ihn anschliessend über Stock und Stein hinter sich her. Tönt nach einer etwas verrückten Idee eines etwas verschrobenen Menschen. Nun, Evelyne Binsack hat genau das getan, um sich auf die Strapazen ihrer Arktisexpedition vorzubereiten.

Doch Evelyne Binsack wirkt weder verschroben noch verrückt, wenn sie einem persönlich gegenübersteht. Statt überdimensionierte Muskelberge trägt die Extremsportlerin ein entwaffnend offenes Lächeln. Einzig der drahtige Körperbau weist auf die Zähigkeit der 50-jährigen Innerschweizerin hin. Und vielleicht ist es ein Hinweis auf ihren eisernen Willen und ihre Disziplin, wie sie vor ihrem Vortrag während einer guten halben Stunde ihr Manuskript noch einmal konzentriert durchgeht. Evelyne Binsack überlässt wohl einfach nichts dem Zufall. Und wenn es die Vorbereitung erfordert, greift sie halt auch auf einen 70 Kilo schweren Baggerpneu zurück.

Lerne deine Stärken und Schwächen kennen.

Evelyne Binsack wirkt frisch und entspannt. Dabei ist sie erst vor wenigen Wochen von ihrer letzten Expedition zurückgekehrt. Sie war in der Arktis und hat nach 105 beschwerlichen Tagen den Nordpol erreicht. Mit purer Muskelkraft. Sie hat sich damit einen persönlichen Traum erfüllt und gleichzeitig ihre Abenteuer-Trilogie abgeschlossen, die sie vom höchsten über den südlichsten bis zum nördlichsten Ort der Welt führte.

«Die höchsten Gipfel sind bestiegen, die ganze Welt ist kartographiert. Wer heute Abenteuer in der Natur sucht, hat persönliche Motive, keine entdeckerischen», erklärte sich Binsack. «Ich wollte mich und meinen Körper besser kennenlernen. Ich wollte wissen: Wie reagiere ich in verschiedenen Situationen?»

Die freie Natur sei für eine solche Persönlichkeitsentwicklung wie geschaffen. Doch grundsätzlich eigne sich jede Tätigkeit. In grossen Erfolgen lerne man seine Stärken, in Misserfolgen seine Schwächen kennen, so die diplomierte Bergsteigerin. Und gerne zitiert sie ihre Erfahrung, die sie am Mount Everest gemacht hat.

Spüre, wie weit du gehen kannst.

Damals, vor 23 Jahren, habe sie die Aussicht vom Gipfel des Mount Everest nicht wirklich geniessen können. «Schliesslich musste ich den Berg auch wieder hinuntersteigen. Und beim Abstieg passieren die meisten Unfälle.» Tatsächlich begegnete sie am letzten Tag drei Toten – gefrorene Leichen von verunfallten Bergsteigern. Evelyne Binsack war gezwungen, im wörtlichen Sinn einen Schritt nach dem anderen zu machen – etwas, das sie zu einer Stärke entwickelte: Fokussieren auf das Wesentliche.

In unseren Breitengraden gehe es bei der Arbeit selten direkt um Leben und Tod. Aber man könne sich beispielsweise in ein Burnout oder eine Erschöpfungsdepression manövrieren, wenn man vor lauter Fokussieren einen «Tunnelblick» entwickle, aus dem man nicht mehr herausfindet. Binsack zitiert hierzu den französischen Schriftsteller Jean Cocteau: «Der Takt der Frechheit besteht darin, zu spüren, bis zu welchem Punkt man gehen kann.»

Liebe deine Feinde.

Ihre Expedition zum Südpol – Teil zwei des Abenteuer-Puzzles – sollte Binsack zu Fuss, mit dem Velo, per Schiff und mit dem Schlitten in die Antarktis bringen. Der erste Misstritt passierte nur gerade 50 Meter von ihrem Haus entfernt: «Ich stürzte, da ich mit den Klickpedalen meines Velos noch nicht so vertraut war.»

Noch viel unangenehmer aber sei ein Erlebnis am zweiten Tag in Mexiko gewesen. «Ein Lastwagenfahrer hatte eine Panne. Er deutete meinen fragenden Blick, ob er Hilfe brauche, als sexuelle Aufforderung und entledigte sich gleich seiner Hose.» Danach zweifelte sie am Sinn der gesamten Expedition, wollte die Fahrradetappe abbrechen und direkt nach Chile fliegen. «Stattdessen ging ich in mich und dachte über den Grund des versuchten Übergriffs nach. Eine Gruppe Mexikanerinnen erklärte mir dann, dass man ihre Männer mit allzu offensiven Blicken herausforderte. Es war ein kulturelles Missverständnis.»

Diese Erkenntnis lasse sich auch auf die Berufswelt übertragen: «Versuchen Sie einen schwierigen Kunden oder einen nervigen Arbeitskollegen zu verstehen und vielleicht sogar etwas von ihm zu lernen, anstatt ihn einfach einen «Tubel» zu finden. Oder anders gesagt: «Liebe deine Feinde.»

Stehe zu Fehlentscheiden und nimm konstruktive Kritik an.

Vom Expeditionsteam der eigentlichen Königsetappe – in der eisigen Antarktis 1200 Kilometer bis zum Südpol laufen – habe vorher keiner den andern gekannt. Und tatsächlich klaute einer der «Kollegen» Evelyne «versehentlich» lebenswichtige 14 000 Kilokalorien Schokoladenpulver.

«Das war eine Katastrophe. Mein Vertrauen in die Gruppe war dahin. Ich wusste aber, dass ich aus dieser Situation nur mit Unterstützung der anderen lebend wieder herauskomme.» Tatsächlich boten ihr die anderen in extremis Teile ihrer Ration an. Und die Geschichte nahm sogar ein versöhnliches Ende: Die Schokolade tauchte wieder auf und der Dieb entschuldigte sich gar bei Evelyne Binsack und bot ihr an, ihren Schlitten zu ziehen.

Auch bei ihrer letzten Expedition an den Nordpol habe sie Probleme mit einem Expeditionspartner gehabt. «Einmal führte er uns in die falsche Richtung. Meine Bedenken tat er mit einem flapsigen Spruch ab.» Sie habe das sogar bis zu einem gewissen Grad verstanden. Gerade wenn man führe, sei man manchmal nicht empfänglich für Kritik von hierarchisch tiefer gestellten Kollegen – selbst wenn sie konstruktiv sei. Aber in der Eiswüste können Fehler tödlich sein. Ihr Tipp: «Wir alle machen Fehler und treffen falsche Entscheide. Stehen wir doch dazu. Eine gesunde Fehlerkultur bringt Erfolg.»

Stehe ein für Werte statt Härte.

Die 50-Jährige interessiert und engagiert sich für die Kulturen, auf die sie bei ihren Expeditionen trifft. «Nach einer Bergtour in Nepal flog ich beim Erdbeben vor zwei Jahren nochmals hin und unterstützte die lokale Bevölkerung beim Aufräumen. Daraus sind viele Freundschaften entstanden.»

Auch die indigene Bevölkerung von Grönland, die sie auf ihrer Nordpolexpedition kennenlernte, liege ihr am Herzen. «Viele der Jugendlichen begehen Selbstmord, weil sie sich zwischen den Kulturen nicht zurechtfinden.» Sie könne sich vorstellen, sich da ebenfalls mit einem Projekt zu engagieren.

Evelyne Binsack hat keines ihrer Projekte um jeden Preis durchgezogen. «Ich bin keine, die für ihr Ziel über Leichen geht», so Binsack: «Werte gehen vor Härte.» Auch dies ist ein Tipp, der durchaus auch für den Büroalltag gilt – und den die Zuschauerinnen und Zuschauer mit langem Applaus verdankten.

Evelyne Binsack ist bei Referaten genauso in ihrem Element wie auf einer Expedition.

Evelyne Binsack ist bei Referaten genauso in ihrem Element wie auf einer Expedition.

Zur Person

Evelyne Binsack ist eine der grössten Abenteurerinnen unserer Zeit. Die gebürtige Nidwaldnerin lernte ursprünglich Sportartikelverkäuferin. Früh jobbte sie als Hüttenwartin und Dachdeckerin. Auf einer Skitour mit einem Leichtathletikkollegen steckte sie sich mit dem Outdoor-Virus an. Sie wurde eine der ersten diplomierten Bergführerinnen Europas und bestieg 2001 den Mount Everest. 2006 bis 2008 reiste sie mit eigener Muskelkraft von ihrem Wohnort im Berner Oberland über Mittel- und Südamerika bis zum Südpol. Im April 2017 erfüllte sie sich einen weiteren Traum: Nach einer 105-tägigen Expedition stand sie nach dem höchsten und dem südlichsten auch am nördlichsten Punkt der Erde – am Nordpol.

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